Eduardas Jurenas, Grafiken zum Werk Wolfgang Borcherts, 1972
Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Der Nachlass des ikonischen Nachkriegsautors Wolfgang Borchert (1921–1947) ist einer der bedeutenden Bestände in den Sondersammlungen der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Nachdem die Stabi bereits ab 1961 einzelne Nachlasskonvolute hatte erwerben können, übergab Borcherts Mutter Hertha 1975/76 etliche Manuskripte und Briefe, Borcherts Bücher, persönliche Gegenstände und einige Möbel aus dem Nachlass des Autors an die Bibliothek. Seitdem wird das Borchert-Archiv gepflegt und erweitert, wenn in Auktionshäusern oder Antiquariaten archivrelevantes Material auftaucht. Mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung hat die Stabi nun sieben Aquatinta-Druckgraphiken des litauischen Künstlers Eduardas Jurenas (1923–1993) erwerben können – nach einem Hinweis einer begeisterten Besucherin der Dauerausstellung zum Leben und Werk des Autors in der Borchert-Box übrigens, die die Radierungen in einem Magdeburger Antiquariat entdeckt hatte.
Der Künstler Eduardas Jurenas (1923–1993), geboren in Plundakai (Litauen), studierte Malerei und wurde wenige Jahre nach Kriegsende im bis 1990 zur Sowjetunion gehörenden Baltikum bekannt. Ab 1948 arbeitete er an der staatlichen Kunsthochschule in Kaunas. Seine erste große Einzelausstellung hatte er 1973 in Vilnius, die letzte war 2013 posthum in Kupiski zu sehen. Neben Aquatinta-Arbeiten schuf Jurenas auch Radierungen, Holz- und Linolschnitte. Ferner betätigte er sich als Schnitzer.
Der Borchert-Zyklus entstand 1972. Er entstand in der Auseinandersetzung mit den Texten Borcherts, vor allem mit dem Drama „Draußen vor der Tür“ sowie mit den Erzählungen „Die Küchenuhr“ und „Die Hundeblume“. Jurenas arbeitet realistisch, aber keineswegs, wie man 1972 erwarten könnte, sozialistisch-realistisch. Stattdessen dominiert – Borcherts Kriegstexten entsprechend – das Traumatische. Der Krieg wird in seiner Grausamkeit und Zerstörungskraft aus der Perspektive der Opfer, der Unteren präsentiert. Es dominieren wie in Borcherts Texten der Einzelne bzw. die Einzelnen in der Menge.
Dass Borcherts Texte eine große Nachwirkung nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik und Malerei hatten und haben, ist unumstritten. Kaum untersucht wurde allerdings bisher die Rezeption des Autors in der Sowjetunion, von der der erworbene Zyklus ein frühes Zeugnis ist. Die Grafiken sind bereits katalogisiert und können von Interessierten eingesehen werden.
Dr. Konstantin Ulmer
Abbildung: Eduardas Jurenas, Lauko uz duru II, 1972, Radierung, ca. 32 x 32 cm (Motiv), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.
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