"Bildnis des Bruders Jakob Runge" von Philipp Otto Runge, 1801
Hamburger Kunsthalle
Philipp Otto Runge porträtiert hier einen nach oben blickenden, in Gedanken versunkenen jungen Mann im Profil nach links. Seine Gesichtszüge sind markant, der beseelt erscheinende Ausdruck wird durch den meisterhaften Einsatz der sich auf dem geschickt genutzten braunen Papier kontrastreich absetzenden weißen Kreide erzielt. Das Halstuch des Mannes leuchtet hell, die Haare und die mit Knöpfen versehene Jacke sind überaus weich und fließend mit feinen und detaillierten Kreidestrichen wiedergegeben.
Diese 2010 in der von der Hamburger Kunsthalle zum 200. Todestag des Künstlers organisierten Ausstellung erstmals veröffentlichte, für dessen frühe Porträtkunst hochbedeutende Zeichnung, die wahrscheinlich Runges Bruder Jakob zeigt, ergänzt die überlieferten, großformatigen Porträtzeichnungen in schwarzer und weißer Kreide, die Runge für seine letztendlich nicht ausgeführte Komposition „Heimkehr der Söhne“ im April oder Mai 1801 im heimatlichen Wolgast angefertigt hat. Erhalten haben sich das Porträt des Bruders Karl (Greifswald, Pommersches Landesmuseum) sowie die beiden Bildnisse der Eltern des Künstlers (Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett).
Runge plante spätestens seit August 1800 dieses sehr private Familienbild, das als großformatiges Wandbild im Wolgaster Haus des dargestellten Jakob Runge gedacht war. Gezeigt werden sollte eine freudige Begrüßungsszene im Familienkreis, mit der die liebevolle Innigkeit der beiden in Hamburg lebenden Brüder Daniel und Philipp Otto zum Ausdruck kommen sollte.
Die Ausführung als Wandbild wurde in der Familie, wie auch von Runges Lehrer Jens Juel in Kopenhagen eher kritisch gesehen; man ahnte, dass der noch recht junge Künstler zu solch einem monumentalen gedachten Werk noch nicht in der Lage war. Es entstanden immerhin zwei weit ausgeführte, allerdings stark voneinander abweichende Pinselzeichnungen als Kompositionsstudien (Staatsgalerie Stuttgart und Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett; Abb.1) sowie zwei skizzenhafte Perspektivstudien (Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett).
Bei dem vorliegenden Bildnis handelt es sich wohl um das des Bruders Jakob, der sich nach den Beschreibungen der in Kopenhagen entstandenen Studie (Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett) rechts von Daniel Runge vor einem Tisch am Boden kniend befindet und die rechte Hand scheinbar überrascht über den Besuch erhoben hat. Sein Blick ist hier wie in der Studie nach oben gerichtet.
Dr. Andreas Stolzenburg
Abb. 1: Philipp Otto Runge, Die Heimkehr der Söhne, 1800/1801, Feder und Pinsel in Grau und Schwarz, 447 x 630 mm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
Abb. 2: Philipp Otto Runge, Die Heimkehr der Söhne, 1800(01, Feder und Pinsel in Grau und Schwarz, 447 mm x 630 mm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett.
© Hamburger Kunsthalle/bpk. – Foto: Christoph Irrgang

